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Jäger auf Rettungsmission im Morgengrauen – mit modernster Technik - come-on.de

Sooo süß: Rehkitze haben nach der Geburt keinen Fluchtreflex. Die gut getarnten Jungtiere bleiben auch bei Gefahr und sich nähernden Maschinen liegen. Mit einer Drohne werden sie vor der Mahd aufgespürt.

63 Rehkitze haben die Mitglieder des Hegerings Lüdenscheid zwischen Anfang Mai und Ende Juni vor dem sicheren Tod im Kreiselmäher bewahrt. Dafür setzen die Jäger in diesem Jahr erstmals auf modernste Technik.

Lüdenscheid – Mit Drohnen und Wärmebildkameras spüren sie die im hohen Gras versteckten Jungtiere auf, tragen sie aus der Wiese und retten ihnen so das Leben. Es sei eine genugtuende und rührende Tätigkeit, berichtet Sven Eick, der die neue „Drohneneinheit“ des Hegerings Lüdenscheid koordiniert: „Das Schöne ist, dass man die Kitze vor dem Arbeitsbeginn rettet und um 8 Uhr im Büro sitzt.“

Denn um überhaupt eine Chance zu haben, die Rehkitze zu entdecken, müssen Sven Eick und seine Mitstreiter früh aufstehen. Nur vor Sonnenaufgang ist im Frühsommer die Außentemperatur niedrig genug, damit die Bambis auf den Bildern der Wärmebildkamera von der kühlen Umgebung zu unterscheiden sind. Wird ein Tier auf dem Monitor entdeckt, muss es schnell gehen. Dabei geht es um nicht weniger als um Leben und Tod.

Eine Aufnahme aus der Wärmebildkamera zeigt Menschen und Tiere gelb und rot an.

Ohne den Einsatz des Hegerings würde die Mahd der Landwirte für die Kitze den sicheren Tod bedeuten. Die Jungtiere haben in den ersten Lebenswochen keinerlei Fluchtreflexe. Sie werden von der Ricke im hohen Gras abgelegt, wenn sie zur Äsung an nahen Waldrändern oder Hecken aufbrechen. Weil die Kitze zudem so gut wie keinen Eigengeruch haben, sind sie für Raubtiere praktisch unriech- und damit unsichtbar. Immer wieder zieht die Ricke zudem mit ihren in der Regel zwei Kitzen um und legt sie an anderen Stellen im Gras ab. Eine Überlebensstrategie, die so lange aufgeht, bis die Mahd der Wiesen ansteht, die sich nicht nur im Sauerland mit der Setzzeit der Rehe überschneidet.

Ricken setzen zumeist zwei Kitze. Sie werden von den Jägern aus dem Feld getragen.

Die Drohnen-Piloten des Hegerings sind in den Revieren in Lüdenscheid im Auftrag der Jagdpächter unterwegs, die von den Landwirten im besten Fall rechtzeitig über geplante Mäharbeiten informiert werden. Früher wurden dann kurz vor der Mahd blaue Säcke an Stangen im Feld aufgestellt, die Wiese abgelaufen oder akustische Vergrämungsmaßnahmen zum Beispiel über Pieptöne durchgeführt, damit die Ricken ihre Kitze hier erst gar nicht ablegen. Der Erfolg war alles andere als sicher. Mit den mithilfe von Förder- und Eigenmitteln angeschafften Drohnen hält nun nicht nur der technische Fortschritt bei der Kitzrettung Einzug, erstmals haben die Jäger auch belastbare Zahlen, wie viele Jungtiere in den heimischen Wiesen liegen. „Wir haben nie gewusst, wie viele Rehkitze gefunden wurden“, verweist Sven Eick auf die fehlende Meldepflicht.

Um das Kitz aufzuheben, reißt Sven Eick mit den Gummihandschuhen zunächst Grasbüschel aus. Dabei muss er sehr vorsichtig sein. Nimmt das Jungtier Menschengeruch an, wird es von der Ricke zurückgelassen.

Nun hat es der Hegering schwarz auf weiß: Insgesamt 388 Hektar wurden auf 125 Feldern in Lüdenscheid und Halver-Ostendorf abgeflogen. Rechnerisch auf jeder zweiten Wiese entdeckten die Piloten ein Rehkitz, insgesamt 63. „Das sind mehr als wir erwartet hätten“, sagt Sven Eick. Dabei staunten die Jäger nicht schlecht, dass sie wider Erwarten auch Jungtiere auf Flächen fanden, die sich an belebten Spazierwegen oder in unmittelbarer Nähe zur Wohnbebauung befinden.

Das Pilotenteam des Hegerings Lüdenscheid absolvierte zunächst den Drohnenführerschein: Sven Eick (von links), Tobias Gelzhäuser, Joze Turk, Sven Kintat, Myriam Küper, Tobias Kappus und Sebastian Bott. Es fehlt Dirk Pfarr.

Bevor die Drohnen des Hegerings abheben konnten, mussten die Piloten den Drohnenflugschein machen. Bei der Arbeit am Feld brauchen sie dann aber auch ein geschultes Auge, um die gelben und roten Flecken im Wärmebild zu entdecken und zuzuordnen. Denn auch Dachse, Füchse, Junghasen und sogar Mäuse werden dank der Technik sichtbar, ebenso Pferdeäpfel und Kuhfladen. „Sogar die Stellen, wo ein Kitz gelegen hat, werden aufgrund der Restwärme noch angezeigt“, berichtet Eick.

Um das Kitz aufzuheben, reißt Sven Eick mit den Gummihandschuhen zunächst Grasbüschel aus. Dabei muss er sehr vorsichtig sein. Nimmt das Jungtier Menschengeruch an, wird es von der Ricke zurückgelassen.

Sind dann die Kitze entdeckt, werden die Jäger vom Piloten zur richtigen Stelle im Feld gelotst. Mit den Gummihandschuhen werden zunächst Grasbüschel genommen und erst dann die Jungtiere angefasst, aufgehoben und in Umzugskartons gelegt. Die mit Lüftungslöchern versehenen Kisten stellen die Lüdenscheider Jäger dann am Wald- oder Feldrand ab und kleben einen eigens entworfenen Sticker auf. Darauf steht: „Bitte nicht öffnen. Ich werde nachher freigelassen.“

Während die Wiese gemäht wird, warten die gefundenen Rehkitze in Kartons auf ihre Freilassung.

„Es ist schon vorgekommen, dass Spaziergänger die Kartons gefunden haben, es gut meinten und die Rehkitze ausgesetzt haben“, erläutert Gerrit Cramer, Obmann für Öffentlichkeitsarbeit beim Hegering Lüdenscheid. Für die Kitze ist das das Todesurteil: „Sobald Menschen das Kitz anfassen, wird es von der Ricke nicht mehr angenommen“, warnt Cramer. In diesem Jahr ist das in Lüdenscheid nicht vorgekommen, die Sticker wertet Cramer daher als Erfolg.

Die Kitze piepsen im Karton. Meistens sieht man die Ricke dann schon in der Nähe herumrennen.

Sven Eick, Jäger und Drohnenpilot

Etwa drei Stunden verbleiben die Jungtiere während der Mahd im Karton, dann werden sie vom Landwirt, vom Jagdpächter oder von einem Hegering-Mitglied freigelassen. Auch Sven Eick kam diese Aufgabe schon zu. „Die Kitze piepsen im Karton. Meistens sieht man die Ricke dann schon in der Nähe herumrennen“, sagt Eick. Die Wiedervereinigung von Mutter und Kind zu beobachten, ist Lohn genug für die Mühen und das frühe Aufstehen. Die Kitzrettung ist grundsätzlich kostenlos, die meisten Landwirte spenden aber gerne einen Obolus an den Hegering.

Da nicht bei jedem Wetter gemäht werden kann, sind die Zeitfenster für die Mahd kurz und in diesen Phasen die Nachfrage nach den Drohnenpiloten besonders groß. Sven Eick ist daher durchgängig auf Abruf. So erreichte ihn auch der Notruf eines Jagdpächters Anfang Mai aus Halver-Oeckinghausen. Eine Ricke war von einem Auto erfasst und tödlich verletzt worden. „Man konnte sehen, dass sie gerade gesetzt hatte. Wir sind dann mit der Drohne das Gebiet abgeflogen und haben tatsächlich das Kitz entdeckt und in eine Auffangstation gebracht.“ Es war ein weiteres Leben, das die neue Drohneneinheit des Hegerings Lüdenscheid in diesem Jahr gerettet hat.

Jagdkurs beim Hegering Lüdenscheid

Der Hegering Lüdenscheid bietet auch in diesem Jahr einen Jagdkurs an. Zu den Lerninhalten gehören unter anderem aktiver Naturschutz, Anlegen von Wildäsungsflächen, Bestandsregulation zur Vermeidung von Wildschäden sowie Jungwildrettung. Der Kurs beginnt am 4. September, zuvor gibt es einen Schnupperabend am Montag, 14. August. Interessenten können sich bei Gregor Bott (Leiter Jagdschule) unter Tel. 02351/5581263 oder gregor.bott@hegering.com melden.

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